Leseproben

Berufswandel

In einer Hütte tief im Wald,
bemoost, verwittert, schattenkalt,
zog zwischen Zetteln, Tinte, Seife
ein Dichter denkend an der Pfeife.

Der Dichter heut schreibt irgendwo
bis in die Nacht, vielleicht im Zoo,
und legt der Akku sich zur Ruh,
klappt er den Laptopdeckel zu.

In Zukunft, auf des Dichters Stirn,
da sitzen Stecker zum Gehirn,
durch die wird dann der Denkergeist
direkt ins Userhirn gespeist.

Und wenn wir noch viel weiter sehn:
Die Forschung streut das Dichtergen
und schafft uns dadurch Riesennöte.
Kein Leser - und der Rest heißt Goethe.

©3/02Jutta Haar


Aber bitte recht weiblich...

Vor einiger Zeit musste ich einen mir bis dato nicht persönlich bekannten ausländischen Kunden zum Abendessen einladen. Ich suchte ein sehr renommiertes Restaurant an meinem Heimatort aus. Mein Gast sah sich zufrieden um und freute sich, als der Ober ihm die deutsche Speisekarte reichte. Ich wusste, dass er einmal einen Deutschkursus besucht hatte, und beobachtete, wie er interessiert und schweigend die Gerichte studierte. Ganz plötzlich sah er auf und schleuderte mir folgende Worte entgegen:

"Die Milch ist weiblich, die Kuh ist weiblich und warum kommt nun die Milch nicht von die Kuh?" Ich riss die Augen auf, da hob er seinen Löffel hoch und fuhr fort: "...und wieso heißt es der Löffel? Der Löffel hat weibliche Rundungen und müsste dann eigentlich die Löffel heißen und die gefährliche spitze Gabel müsste doch männlich sein und der Gabel heißen?" Darüber hatte ich wirklich noch niemals nachgedacht, doch bevor ich irgendetwas äußern konnte, lehnte er sich gemütlich zurück und sagte, er wolle gern etwas schönes Deutsches essen.

Erleichtert über die Wendung des Gespräches tippte ich auf die Karte und empfahl ihm nach kurzem Zögern Spießbraten, wobei ich inständig hoffte, dass das etwas typisch Deutsches sei. "Den Spießbraten mit Kartoffelsalat und Senf und evtl. Meerrettich, wenn Sie mögen!" Er zog die Augenbrauen hoch. "Der Spießbraten?" Ich nickte: " Ja, der Spießbraten. Und dazu der deftige Kartoffelsalat!" Er schwieg. "Der Senf?", fragte er nach einer Weile. "Ja, der würzige Senf", pries ich an, "und der scharfe Meerrettich! Also, alles in allem ein echt starkes männliches Mahl!"

"Ich möchte aber etwas Weibliches!", sagte mein Gast und lächelte freundlich. "Selbstverständlich! Dann empfehle ich als Vorspeise..." Ich überflog die Karte wie ein nervöses Mückenweibchen "...äh - eine Suppe!" "Welche Suppe?", fragte er. "Die Suppe von..." Ich begann zu schwitzen. Meine Augen kreisten über den Buchstaben. "Der Spargel, der Krebs, der Ochse, die Suppe", murmelte ich, "äh, die warme Suppe von die Rind!" Er nickte sehr zufrieden.

Als Hauptgericht empfahl ich ihm: die runden Klöße, die gemütliche braune Soße und die üppige weibliche Kalbshaxe. Das Zwischengericht mit Fisch war auch kein Problem. "Hier gibt es die Dorsch auf die Puffer und die Matjesmus auf die Vollkornbrot!", sagte ich, während ich inständig betete, dass der Ober nicht mit der Wimper zucken würde. Mein Gast sah mich einen Augenblick prüfend an, dann nickte er: "Etwas Weibliches, ja, die Dorsch!" Zum Glück war der Ober ein Profi. Zum Nachtisch bot er meinem Gast rote Grütze. Der Kunde strahlte überglücklich. "Ein schöner Abend!", sagte er.

Zum Abschluss erschien die Bedienung mit einer Auswahl alkoholischer Spezialitäten. "Cognac?" Ein gutes Fläschchen wurde hochgehalten. "Ich möchte…", begann der Gast. Ja, wir wussten schon! Ob er nicht einmal bei Alkohol eine Ausnahme machen könne, fragte ich, denn zum Ausgleich könne er ja eventuell hinterher dann die wunderbaren Promille, die herrliche Fahne, die aufregende Verkehrskontrolle genießen. Vom nächsten Morgen sagte ich wohlweislich nichts, denn da hätte dann ja der Kater gewartet. Er schüttelte nur den Kopf und beobachtete zufrieden, wie ich die weibliche Rechnung beglich.

Zu seinem Hotel waren es nur wenige Schritte, die wir freundlich plaudernd zurücklegten. Am Eingang angekommen bekam sein pausbäckiges, sonniges Gesicht plötzlich einen verschmitzten Ausdruck. "Nicht gut!", flüsterte er. "Das Hotel ist nicht gut!" Ich erschrak, weil ich ihn dort einquartiert hatte, es war definitiv das beste Haus in der ganzen Gegend. "Wieso?", fragte ich irritiert. "Nicht gut!" Seine grünen Pupillen ruhten listig auf meiner totalen Ahnungslosigkeit. Nach ein paar Sekunden des Schweigens raunte er mir zu: "Der Zimmerservice!" Dann sah er mich auffordernd erwartungsvoll an: "... ich möchte jetzt aber etwas Wwweibliches..."

©5/03Jutta Haar

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